DER FREUNDSCHAFTSPAKT
Nun fliegen wir fort vom dänischen Strand
Weit fort zu fremden Zonen.
Nun sind wir unten in Griechenland.
An blauen Gewässern wir wohnen.
Der Zitronenbaum voll goldgelber Frucht
Steht mit beladenen Zweigen.
Die Distel grünt, und die Götter dort
Schweben in marmornem Reigen.
Wo der Hirte sitzt, da wollen wir
Still unser Zelt aufschlagen,
Ihn erzählen hören vom Freundschaftspakt,
Einem Brauche aus alten Tagen.
Unser Haus war aus Lehm zusammengeklebt, aber die Türpfosten waren kannelierte Marmorsäulen, die gefunden worden waren, während man an dem Hause baute. Das Dach hing fast bis auf die Erde herab. Jetzt war es schwarzbraun und häßlich, aber als es gelegt wurde, wurden blühender Oleander und grüne Lorbeerzweige dazu von weit hinter den Bergen herbeigeholt. Es war nicht viel Raum um unser Haus. Die nackten Felsenwände ragten steil empor. Sie waren von schwarzer Farbe, und um den Gipfel hingen oft die Wolken wie lebende weiße Gestalten. Nie habe ich hier einen Singvogel gehört. Nie tanzten hier die Männer zu den Tönen der Sackpfeife. Aber der Ort war geheiligt von altersher. Der Name selbst erinnert daran; Delphi wird er genannt. Die düsteren, ernsten Berge lagen mit Schnee bedeckt. Der höchste, der am längsten in der roten Abendsonne leuchtete, war der Parnaß. Der Bach bei unserem Hause strömte von ihm herab und war auch einst heilig. Jetzt rührt ihn der Esel mit seinen Hufen auf, doch er rinnt weiter und wird wieder klar. Wie ich mich jedes Fleckchens und der heiligen, tiefen Einsamkeit dort erinnere! Mitten in der Hütte wurde das Feuer entzündet, und wenn die heiße Asche hoch und glühend dalag, wurde das Brot darin gebacken. Lag der Schnee draußen rund um unsere Hütte, so daß sie fast darunter versteckt lag, so schien meine Mutter am frohesten zu sein; da nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände, küßte mich auf die Stirn und sang die Weisen, die sie sonst nie zu singen pflegte, denn die Türken, unsere Herren, litten es nicht, und sie sang:
Auf dem Gipfel des Olympos, in dem niedrigen Tannengebüsch, saß ein alter Hirsch; seine Augen waren schwer von Tränen, rote, ja grüne und blaßblaue Tränen weinte er, und ein Rehbock kam vorbei: "was fehlt Dir doch, daß Du so weinst, rote, grüne, ja blaßblaue Tränen weinst?" "Der Türke ist in unsere Stadt gezogen, wilde Hunde hat er zur Jagd, eine mächtige Schar!" "Ich jage sie über die Inseln" sagte der junge Rehbock, "Ich jage sie über die Inseln in das tiefe Meer!" - Aber ehe der Abend sank, war der Rehbock getötet, ehe die Nacht kam, der Hirsch gejagt und tot! Und wenn meine Mutter so sang, wurde ihr Auge naß, und eine Träne hing in ihren langen Wimpern, aber sie verbarg sie und wendete das schwarze Brot in der Asche. Da ballte ich meine Faust und sagte: "Wir werden die Türken erschlagen!" aber sie wiederholte von der Weise: "Ich jage sie über die Inseln ins tiefe Meer!" - Aber ehe der Abend sank, war der Rehbock getötet, ehe die Nacht kam, der Hirsch gejagt und tot!" Mehrere Tage und Nächte waren wir einsam in unserer Hütte gewesen, da kam mein Vater. Ich wußte, er brachte mir Muschelschalen von der Lepantobucht mit, oder vielleicht auch ein Messer, scharf und blinkend. Diesmal brachte er uns ein Kind, ein nacktes, kleines Mädchen, das er unter seinem Schafpelz verborgen hielt. Sie war in ein Fell gewickelt, und alles was sie besaß, als sie, daraus befreit, in meiner Mutter Schoß lag, waren drei Silbermünzen, die sich in ihr schwarzes Haar eingebunden fanden. Und der Vater erzählte von den Türken, die des Kindes Eltern getötet hatten; er erzählte uns soviel, daß ich die ganze Nacht davon träumte. Mein Vater selbst war auch verwundet. Meine Mutter verband seinen Arm. Die Wunde war tief, und der dicke Schafpelz steif von gefrorenem Blute. Das kleine Mädchen sollte meine Schwester sein, sie war so schön und so leuchtend weiß. Meiner Mutter Augen waren kaum milder als die ihren. Anastasia, so hieß sie, sollte also meine Schwester sein, denn ihr Vater war meinem Vater angeweiht, geweiht nach einer alten Sitte, die bei uns noch gehalten wird. Sie hatten in ihrer Jugendzeit Brüderschaft geschlossen und das schönste und tugendsamste Mädchen der ganzen Gegend gewählt, um sie zu dem Freundschaftspakt zu weihen. Ich hörte gar oft von dieser schönen und seltsamen Sitte.
Nun war die Kleine meine Schwester. Sie saß auf meinem Schoße, ich brachte ihr Blumen und die Federn wilder Vögel, und wir tranken gemeinsam aus der Quelle des Parnaß. Wir schliefen Haupt an Haupt unter dem Lorbeerdach der Hütte. Während vieler Winter sang meine Mutter noch von den roten, den grünen und den blaßblauen Tränen, aber noch immer begriff ich nicht, daß es mein eigenes Volk war, dessen tausendfachen Kummer diese Tränen widerspiegelten.
Eines Tages kamen drei fränkische Männer des Weges, anders gekleidet als wir. Sie trugen Betten und Zelte auf ihren Pferden, und mehr als zwanzig Türken, alle mit Säbel und Flinte bewaffnet, geleiteten sie, denn es waren Freunde des Paschas und hatten einen Geleitbrief von ihm. Sie kamen nur, um unsere Berge zu sehen, um in Schnee und Wolken den Parnaß zu besteigen und die seltsamen, schwarzen Felsen um unsere Hütte zu betrachten. Sie fanden keinen Platz drinnen und konnten auch nicht den Rauch vertragen, der unter der Decke hin durch die niedere Tür abzog. Und sie spannten ihre Zelte auf dem engen Platz vor unserer Hütte aus, brieten Lämmer und Vögel und tranken süßen, starken Wein, aber die Türken durften nicht davon trinken.
Als sie fortreisten, folgte ich ihnen ein Stück Weges, und meine kleine Schwester Anastasia hing, eingenäht in eine Ziegenhaut, auf meinem Rücken. Einer der fränkischen Herren stellte mich vor einen Felsen und zeichnete mich und sie so lebenswahr, wie wir dort standen. Wir sahen aus wie ein einziges Geschöpf. Nie hatte ich bisher darüber nachgedacht. Aber Anastasia und ich waren ja auch eins. Stets lag sie auf meinem Schoße oder hing auf meinem Rücken und träumte ich, so war sie auch in meinen Träumen.
Zwei Nächte danach trafen andere Leute in unserer Hütte ein, sie waren mit Gewehren und Messern bewaffnet. Es seien Albanesen, keckes Volk, wie meine Mutter sagte. Sie blieben nur kurze Zeit da. Meine Schwester Anastasia saß bei einem von ihnen auf dem Schloße - als er fort war, hatte sie zwei und nicht mehr drei Silbermünzen in ihrem Haar. Sie legten Tabak in Papierstreifen und rauchten ihn so, und der Älteste sprach über den Weg, den sie nehmen wollten; er war in Ungewißheit darüber. "Speie ich aufwärts" sagte er, "so fällt es in mein Gesicht, speie ich abwärts, so fällt es in meinen Bart!" Aber ein Weg mußte gewählt werden. Sie gingen und mein Vater folgte ihnen. Ein wenig später hörten wir Schüsse. Es knallte wieder. - Da kamen Soldaten in unsere Hütte, sie nahmen meine Mutter, mich und Anastasia mit sich. Die Räuber hätten bei uns Rückhalt gefunden, sagten sie, mein Vater wäre ihnen gefolgt, deshalb müßten wir fort. Ich sah der Räuber Leichen, ich sah meines Vaters Leiche, und ich weinte, bis ich einschlief. Als ich erwachte, waren wir im Gefängnis, aber der Raum war nicht elender, als in unserer eigenen Hütte, und ich bekam Zwiebeln und nach Harz schmeckenden Wein, der aus einem geteertem Schlauche eingeschenkt wurde, besser hatten wir es auch zu Hause nicht.
Wie lange wir gefangen waren, weiß ich nicht; aber es vergingen viele Tage und Nächte bis dahin. Als wir herauskamen, war gerade das heilige Osterfest, und ich trug Anastasia auf meinem Rücken, denn meine Mutter war krank. Sie konnte nur langsam gehen, und es war ein langer Weg, ehe wir das Meer erreichten und die Bucht von Lepanto. Wir traten in eine Kirche, die erstrahlte von Bildern auf goldenem Grunde. Da waren Engel, o, so schön! Aber es war mir doch, als sei unsere kleine Anastasia ebenso schön. Mitten auf dem Fußboden stand eine mit Rosen gefüllte Kiste. Das wäre der Herr Jesus Christus, der dort wie eine herrliche Blume läge, sagte meine Mutter, und der Priester verkündete: Christus ist auferstanden! Alle Menschen küßten einander, jeder hielt eine brennende Kerze in der Hand, ich selbst und die kleine Anastasia bekamen auch eine, die Sackpfeifen erklangen, die Männer tanzten Hand, in Hand aus der Kirche, und draußen brieten die Frauen das Osterlamm. Wir wurden eingeladen. Ich saß am Feuer, ein Knabe, älter als ich, nahm mich um den Hals, küßte mich und sagte "Christus ist auferstanden!" So begegneten wir zwei uns das erste Mal, Aphtanides und ich.
Meine Mutter konnte Fischnetze flechten, das warf hier in der Bucht einen guten Verdienst ab, und wir blieben lange Zeit über am Meere, an dem herrlichen Meere, das wie Tränen schmeckte und in seinen Farben an die Tränen des Hirsches erinnerte, denn bald war es rot, bald grün und dann wieder blau.
Aphtanides verstand ein Boot zu lenken, und ich saß mit meiner kleinen Anastasia im Boote, das auf dem Wasser dahinglitt wie eine Wolke durch die Luft. Wenn die Sonne sank, wurden die Berge mehr und mehr dunkelblau, die eine Bergkette überragte die andere, und am weitesten entfernt stand der Parnaß mit seinem Schnee. In der Abendsonne leuchtete der Gipfel des Berges wie glühendes Eisen. Es sah aus, als käme das Licht von innen heraus, denn es leuchtete lange in der blauen, schimmernden Luft, lange noch, nachdem die Sonne untergegangen war. Die weißen Seevögel schlugen mit ihren Flügeln den Wasserspiegel, sonst war es hier so stille, wie bei Delphi zwischen den schwarzen Felsen. Ich lag auf dem Rücken im Boote, Anastasia saß auf meiner Brust, und die Sterne über uns schimmerten heller als die Lampen in unserer Kirche. Es waren die gleichen Sterne, und sie standen ganz an der gleichen Stelle über mir, wie wenn ich bei Delpli draußen vor der Hütte saß. Zuletzt war es mir, als wäre ich noch dort! Da klatschte etwas ins Wasser und das Boot schwankte stark. Ich schrie laut, denn Anastasia war ins Wasser gefallen, aber Aphtanides war ebenso schnell, und bald hob er sie zu mir empor. Wir zogen ihr die Kleider ab, wanden das Wasser heraus und zogen sie ihr dann wieder an. Dasselbe tat Aphtanides bei sich selbst und wir blieben draußen, bis das Zeug wieder getrocknet war, und niemand erfuhr von unserem Schreck über unsere kleine Pflegeschwester, an deren Leben ja Aphtanides nun auch seinen Anteil hatte.
Es wurde Sommer! Die Sonne brannte so heiß, daß die Laubbäume welkten. Ich dachte an unsere kühlen Berge, an das frische Wasser dort oben. Meine Mutter sehnte sich auch danach, und so wanderten wir eines Abends wieder zurück. Wie lautlos stille es dort war! Wir gingen über den hohen Thymian, der noch duftete, obgleich die Sonne seine Blätter hatte vertrocknen lassen. Nicht einen Hirten trafen wir, an keiner Hütte kamen wir vorbei. Alles war stille und einsam. Nur die Sternschnuppen sagten, daß oben im Himmel Leben war. Ich wußte nicht, war es die klare, blaue Luft selbst, die leuchtete, oder waren es die Strahlen der Sterne. Wir sahen genau die Umrisse aller Berge. Meine Mutter zündete Feuer, briet von den Zwiebeln, die sie mitgebracht hatte, und ich und die kleine Schwester schliefen draußen im Thymian, ohne uns vor dem häßlichen Smidraki, dem das Feuer aus dem Halse loht, oder vor den Wölfen und Schakalen zu fürchten. Meine Mutter saß ja bei uns, und das hielt ich für genug.
Wir erreichten unsere alte Heimat, aber die Hütte war ein Trümmerhaufen; es mußte eine neue gebaut werden. Ein paar Frauen halfen meiner Mutter, und in wenigen Tagen waren die Mauern aufgerichtet und ein neues Dach aus Oleander darüber gelegt. Meine Mutter flocht aus Leder und Borke viele Hülsen für Flaschen, ich hütete des Priesters kleine Herde, und Anastasia und die kleinen Schildkröten waren meine Spielkameraden.
Eines Tages bekamen wir Besuch von dem lieben Aphtanides; er habe sich so sehr danach gesehnt, uns wiederzusehen, sagte er, und er blieb zwei ganze Tage bei uns.
Nach einem Monat kam er wieder und erzählte uns, daß er mit einem Schiffe nach Patras und Korfu solle, vorher aber müsse er uns doch Lebewohl sagen, und meiner Mutter brachte er einen großen Fisch mit. Er wußte so vieles zu erzählen, nicht nur von den Fischern unten in der Lepantobucht, sondern von Königen und Helden, die einstmals über Griechenland geherrscht hatten wie jetzt die Türken.
Ich habe gesehen, wie der Rosenstrauch Knospen ansetzte, und wie diese in Wochen und Tagen sich zur Blüte entfalteten. Sie erblühten, noch ehe ich begonnen hatte, darüber nachzudenken, wie groß und schön und rosenrot sie waren. Ebenso erging es mir mit Anastasia. Sie war ein herrliches, erwachsenes Mädchen, ich ein kräftiger Bursch. Die Wolfsfelle, die über meiner Mutter und Anastasias Bett lagen, hatte ich selbst von den Tieren gestreift, die von meiner Kugel gefallen waren. Die Jahre waren vergangen.
Da kam eines Abends Aphtanides, schlank wie ein Rohr, stark und braun. Er küßte uns alle und wußte von dem großen Meere zu erzählen, von Maltas Festungsanlagen und Ägyptens seltsamen Grabstätten; es klang wundersam wie eine von des Priesters Legenden. Ich sah mit einer Art Ehrfurcht zu ihm auf.
"Wieviel Du weißt!" sagte ich, "und wie Du erzählen kannst!"
"Das schönste hast doch Du mir einmal erzählt!" sagte er, "Du hast mir erzählt, und das ist mir nie aus dem Sinn gekommen, von dem schönen alten Brauch des Freundschaftspaktes, ein Brauch, dem zu folgen ich die größte Lust hätte! Bruder, laß uns beide auch, wie Dein und Anastasias Vater es taten, zur Kirche gehen. Das schönste und unschuldigste Mädchen ist Anastasia, die Schwester, sie soll uns zusammenweihen! Niemand hat doch schönere Sitten als wir Griechen!"
Anastasia errötete wie das frische Rosenblatt, und meine Mutter küßte Aphtanides.
Eine Stunde Weges von unserer Hütte, dort wo die Felsen gute Erde trugen und einzelne Bäume Schatten spendeten, lag die kleine Kirche; vor dem Altar hing eine silberne Lampe.
Ich hatte meine besten Kleider an, die weiße Fostanella faltete sich reich über den Hüften, das rote Wams saß eng und stramm, in die Quaste meines Fez war Silber gewirkt, und in meinem Gürtel saßen Messer und Pistolen. Aphtanides hatte seine blaue Kleidung an, die er als griechischer Seemann trug, eine Silberplatte mit der Mutter Gottes hing auf seiner Brust. Seine Schärpe war kostbar, wie nur die reichen Herren sie tragen konnten. Jeder konnte uns ansehen, daß wir zu einem hoben Feste schritten. Wir gingen in die kleine einsame Kirche, wo die Abendsonne durch die Tür hinein auf die brennenden Lampen und die farbigen Bilder auf goldenem Grund schien. Wir knieten auf des Altars Stufen und Anastasia stellte sich vor uns. Ein langes, weißes Gewand hing lose und leicht um ihre schönen Glieder, ihr weißer Hals und ihre Brust waren bedeckt von einer Kette aus alten und neuen Münzen, sie war mehrfach zusammengeschlungen, so daß sie einen richtigen Kragen bildete. Ihr schwarzes Haar war auf dem Haupte zu einem einzigen Knoten zusammengelegt, der von einer kleinen Haube von Silber- und Goldmünzen gehalten wurde, die in den alten Tempeln aufgefunden waren. Einen schöneren Schmuck hatte kein griechisches Mädchen! Ihr Antlitz leuchtete, ihre Augen glichen zwei Sternen.
Alle drei beteten wir stille unser Gebet und sie fragte uns: "Wollt Ihr Freunde sein in Leben und Tod?" Wir antworteten: "Ja!" "Will jeder von Euch, was auch geschehen möge, daran denken: mein Bruder ist ein Teil von mir selbst, mein Geheimnis ist das seine, mein Glück ist das seine, Aufopferung, Ausdauer, alles was ich für mich tue. geschieht auch für ihn" Wir wiederholten unser ja! und sie legte unsere Hände ineinander, küßte uns auf die Stirne, und wir beteten wieder still. Da trat der Priester aus des Altars Tür hervor, segnete uns alle drei, und ein Gesang der anderen allerheiligsten Herren erklang hinter der Altarwand. Der ewige Freundschaftspakt war geschlossen. Als wir uns erhoben, sah ich meine Mutter in der Kirchentür stehen und tief und bitterlich weinen.
Wie lustig ging es her in unserer kleinen Hütte und bei Delphis Quellen! Am Abend, bevor Aphtanides fort mußte, saßen er und ich gedankenvoll an dem Felsenhange. Sein Arm war um meinen Leib geschlungen, meiner lag um seinen Hals; wir sprachen von Griechenlands Not, von Männern, auf die man bauen könnte; jeder Gedanke in der Seele des Anderen lag klar vor uns. Da ergriff ich seine Hand:
".... Eins noch mußt Du wissen! Eins, was bis zu dieser Stunde nur Gott und ich wissen! Meine ganze Seele ist erfüllt von einer Liebe, stärker, als zu meiner Mutter oder zu Dir - - - !"
"Und wen liebst Du?" fragte Aphtanides und errötete über Gesicht und Hals.
"Ich liebe Anastasia!" sagte ich, - und seine Hand zitterte in meiner, und er wurde totenbleich. Ich sah es und begriff es; und ich glaube, auch meine Hand bebte. Ich beugte mich zu ihm hinüber, küßte ihn auf die Stirne und flüsterte: "Ich habe es ihr nie gesagt! Sie liebt mich vielleicht nicht! Bruder, denke doch, ich sah sie täglich, sie ist an meiner Seite aufgewachsen, in meine Seele hineingewachsen!"
"Und Dein soll sie sein!" sagte er, "Dein! - ich kann Dir gegenüber nicht lügen und will es auch nicht! Ich liebe sie auch! Aber morgen gehe ich fort. In einem Jahre sehen wir uns wieder. Da seid Ihr verheiratet, nicht wahr? - Ich besitze etwas Geld - es ist Dein! Du sollst es nehmen, Du mußt es nehmen!" Stille wanderten wir über die Felsen. Es war schon später Abend, als wir vor meiner Mutters Tür standen.
Anastasia hielt uns die Lampe entgegen, als wir eintraten. Meine Mutter war nicht da. Anastasia sah seltsam wehmütig auf Aphtanides: "Morgen gehst Du von uns fort!" sagte sie, "wie traurig mich das macht!"
"Betrübt es Dich?" sagte er, und mir schien, als läge ein Schmerz in seinen Worten, groß wie mein eigener. Ich konnte nicht sprechen. Er aber nahm ihre Hand und sagte: "Unser Bruder da liebt Dich, hast Du ihn auch lieb? Gerade in seinem Schweigen liegt seine Liebe!" Und Anastasia zitterte und brach in Weinen aus. Da sah ich nur sie, ich schlang meinen Arm um ihren Leib und sagte: "Ja, ich liebe Dich!" Da drückte sie ihren Mund auf meinen, ihre Hände schlossen sich um meinen Hals, aber die Lampe war zu Boden gefallen und es war dunkel um uns wie in des armen lieben Aphtanides Herzen.
Vor Tag stand er auf, küßte uns alle zum Abschied und zog von dannen. Meiner Mutter hatte er all sein Geld für uns gegeben. Anastasia war meine Braut und einige Tage darauf mein Weib.